Unternehmen investieren erhebliche Ressourcen in SAP-Transformationen. IT-Systeme werden entsprechend konfiguriert, Schnittstellen getestet, Daten migriert und Cutover-Pläne bis ins Detail vorbereitet. Wenn der Go-live näher rückt, richtet sich der Blick deshalb meist auf eine zentrale Frage: Ist das System bereit für den Produktivbetrieb?

Eine ebenso wichtige, zweite Frage jedoch stellen sich nur wenige Unternehmen: Sind wir auch darauf vorbereitet, beim Go-Live unter realen Bedingungen mit unerwarteten Situationen umzugehen und handlungsfähig zu bleiben?

Genau diese Frage stand im Mittelpunkt unseres Harvey Nash Webinars mit der Change- und Transformationsexpertin Sarah Kidane am 18. September 2026. Sie hat SAP-S/4HANA- und ERP-Rollouts in mehr als 20 Ländern begleitet und dabei immer wieder gesehen, dass kritische Situationen beim Go-live nicht allein durch technische Ursachen verschärft werden. Häufig sind es unklare Verantwortlichkeiten, unterschiedliche Eskalationswege oder verzögerte Entscheidungen, die aus einem begrenzten Vorfall ein größeres operatives Risiko machen.

Ein gelöstes IT-Problem beim Go-Live kann operativ trotzdem teuer werden

Ein Beispiel aus einem internationalen SAP-S/4HANA-Rollout zeigt, wie schnell sich ein scheinbar kleiner Vorfall ausweiten kann. Während des Cutovers wurde ein Druckauftrag im System korrekt verarbeitet. Das benötigte Produktionsetikett wurde jedoch nicht ausgegeben. Für die IT stand zunächst die technische Ursache im Fokus. Für den Produktionsbereich stellte sich dagegen unmittelbar die Frage, ob und wie der laufende Betrieb fortgesetzt werden konnte.

In diesem Moment geht es daher nicht nur um die Fehlerbehebung, sondern um aktive Steuerung:

  • Wer bewertet die Auswirkungen?

  • Wer trifft die Entscheidung über einen möglichen Produktionsstopp?

  • Welche Bereiche müssen einbezogen werden? Wann ist eine Eskalation erforderlich?

 

 

Wenn diese Punkte erst während des Go-lives geklärt werden, geht wertvolle Zeit verloren. Gerade in regulierten oder produktionskritischen Umfeldern können daraus erhebliche operative und finanzielle Folgen entstehen.

 

Technical Readiness allein reicht nicht

SAP-Programme durchlaufen aus gutem Grund Integrationstests, User Acceptance Tests, Performance-Tests und Cutover-Proben. Diese Tests prüfen, ob Systeme und Prozesse wie vorgesehen funktionieren und ob die Technical Readiness für den Go-live gegeben ist.

Was dabei häufig weniger Aufmerksamkeit erhält, ist die Zusammenarbeit zwischen Business, IT und Management, sobald der geplante Ablauf verlassen wird.

Vor dem Go-live sollte daher geklärt sein:

  • Wer darf welche Entscheidungen treffen?
  • Welche Informationen müssen an wen weitergegeben werden?
  • Wann und über welchen Weg wird eskaliert?
  • Haben Business und IT dasselbe Verständnis von Prioritäten?
  • Können Entscheidungen auch bereichsübergreifend schnell getroffen werden?

Solange ein Projekt nach Plan läuft, bleiben Schwachstellen in diesen Bereichen oft unentdeckt. Erst bei Abweichungen zeigt sich, ob die vorgesehenen Strukturen tatsächlich funktionieren.

 

Warum Business Readiness oft zu spät auf den Prüfstand kommt

Viele Unternehmen bereiten Prozesse, Systeme und Daten sehr sorgfältig vor. Wie belastbar die Zusammenarbeit im Ernstfall ist, wird dagegen deutlich seltener unter realistischen Bedingungen erprobt.

Dokumentierte Abläufe allein geben darauf keine verlässliche Antwort. Ein Eskalationsweg kann auf dem Papier eindeutig definiert sein und in der Praxis dennoch Verzögerungen verursachen. Auch formal festgelegte Zuständigkeiten helfen wenig, wenn verschiedene Bereiche sie unterschiedlich interpretieren.

Für CIOs und SAP-Verantwortliche reicht es deshalb nicht, Prozesse sauber zu dokumentieren. Sie müssen auch wissen, ob diese Prozesse unter realen Bedingungen tragen.

 

Murphy’s Law Simulation: Die Handlungsfähigkeit in SAP-Projekten testen

Sarah Kidane setzt deshalb auf einen Ansatz, den sie als „Murphy’s Law Simulation“ bezeichnet. Dabei werden keine technischen Tests wiederholt. Stattdessen werden realistische Störungsszenarien durchgespielt, wie sie während eines Cutovers oder Go-lives auftreten können.

Die Beteiligten agieren in ihren tatsächlichen Rollen. Sie bewerten Informationen, treffen Entscheidungen, stimmen sich mit anderen Bereichen ab und leiten bei Bedarf Eskalationen ein.

Im Mittelpunkt steht nicht die möglichst schnelle technische Lösung für ein Problem. Die Simulation soll zeigen, wie gut das Zusammenspiel der beteiligten Bereiche funktioniert, wenn der vorgesehene Ablauf nicht mehr greift.

Schwachstellen erkennen, bevor sie den Go-live belasten

Der Mehrwert solcher Simulationen liegt darin, Abstimmungsprobleme frühzeitig offenzulegen. Wenn mehrere Beteiligte unterschiedliche Antworten darauf geben, wer eine kritische Produktionsentscheidung freigibt, besteht Klärungsbedarf.

Wenn Business und IT denselben Vorfall unterschiedlich priorisieren, muss die gemeinsame Bewertungslogik nachgeschärft werden. Und wenn Teams im selben Szenario verschiedene Eskalationswege wählen, ist auch das ein Hinweis darauf, dass Prozesse vor dem Go-live noch nicht ausreichend abgestimmt sind.

Solche Punkte lassen sich in klassischen System-Readiness-Tests nur begrenzt erkennen. Werden sie früh identifiziert, können Unternehmen Zuständigkeiten präzisieren, Entscheidungswege verkürzen und Kommunikationsprozesse verbessern.

 

Business Readiness gehört in die Go-live-Vorbereitung

Die zentrale Konsequenz daraus ist klar: Business Readiness sollte mit derselben Verbindlichkeit vorbereitet werden wie Technical Readiness. Für CIOs, SAP-Verantwortliche und Transformation Leads bedeutet das, vor dem Go-live nicht nur die Systemstabilität und Prozesse zu prüfen. Ebenso wichtig ist die Frage, ob das Unternehmen auch bei Abweichungen steuerungsfähig bleibt.

Drei Punkte sollten dabei im Mittelpunkt stehen:

  • Sind Entscheidungen und Zuständigkeiten für kritische Situationen eindeutig geregelt?
  • Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen IT, Fachbereichen und Management?
  • Wurden realistische Störungsszenarien bereits vor dem Go-live erprobt?

Ein Unternehmen kann technisch hervorragend vorbereitet sein und dennoch wertvolle Zeit verlieren, wenn diese Fragen offenbleiben.

 

Ein erfolgreicher Go-live ist mehr als ein technischer Meilenstein

Komplexe SAP-Transformationen gehen immer mit unerwarteten Ereignissen einher. Maßgeblich ist deshalb, wie schnell ein Unternehmen einen Vorfall einordnet, Entscheidungen trifft und die betroffenen Bereiche koordiniert.

Ein stabiles System ist dafür die Grundlage. Ebenso wichtig sind belastbare Entscheidungs- und Kommunikationsstrukturen. Wer vor dem Go-live sowohl Technical Readiness als auch Business Readiness prüft, reduziert Risiken, die in klassischen Tests häufig verborgen bleiben.

Die zentrale Erkenntnis aus dem Harvey Nash Webinar mit Sarah Kidane lässt sich daher so zusammenfassen:

Nicht jedes Risiko lässt sich vorhersagen. Aber Unternehmen können sich auf mögliche Szenarien vorbereiten und so auch im Ausnahmefall handlungsfähig bleiben.

 

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